PROJECT ON-FARM
TITEL DES PRAXISBEISPIELS
Hofgut Kapellenhof – regionale biologische Schafsmolkerei in der Rhein-Main-Region
IDENTIFIKATION DES PRAXISBEISPIELS
Rahmendaten
HofgutKapellenhof
Land
- Deutschland
Name des Betriebs
- Einzelbetrieb
Landwirtschaft
- Ackerbau/Gartenbau
- Tierzucht
- Produktverarbeitung auf dem Betrieb
Direktvermarktung
- Ab-Hof Verkauf
- Bauernmärkte
- Direktvermarktung über Hofladen oder externen Lebensmittelladen
DER BETRIEB
Der Kapellenhof ist seit 1988 ein zertifizierter Bio-Bauernhof. Er liegt im hessischen Hammersbach, nördlich von Frankfurt am Main. Der Betriebsleiter Herr Küthe ist Agrar-Ingenieur. Er beschäftigt insgesamt vier Vollzeitbeschäftigte und zwölf Teilzeitkräfte. Der Betrieb beschäftigt keine Familienangehörige. Der Hof bewirtschaftet rund 75 Hektar Ackerland und Grünland: dort werden Weizen, Gerste, Dinkel und Ackerbohnen angebaut. Diese werden als Futtergetreide genutzt oder zu Lebensmitteln weiterverarbeitet. Das Haupteinkommen stammt aus dem Verkauf von Schafmilch, Schafmilchprodukten und Lammfleisch. Der Hof verfügt über eine eigene Molkerei, in der Schafskäse, Joghurt, Frischkäse, Eis, usw. hergestellt werden. Das Schaffleisch wird in einer Metzgerei verarbeitet. Es gibt einen Ab-Hof Verkauf und einen Selbstbedienungsladen, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Die Direktvermarktung beträgt 10-15 Prozent des Gesamtumsatzes. Die Mehrzahl der Produkte wird über verschiedene Partner in der Region (z.B. Supermärkte) vertrieben.
WODURCH ZEICHNET SICH DER BETRIEB AUS?
Seit Juli 2018 produziert das Unternehmen Bio-Schafskäse und hat den Anspruch, als einzige Bio-Schafsmilchkäse-Molkerei im Rhein-Main-Gebiet, hochwertige und exklusive Käsekreationen herzustellen. Dies wird durch Auszeichnungen bei verschiedenen Wettbewerben bestätigt. Weitere Angebote sind Hofführungen, Käse- und Weinabende. Diese bieten einen exklusiven Blick hinter die Kulissen, die Möglichkeit landwirtschaftliche Prozesse kennenzulernen und Wissenswertes über den ökologischen Landbau zu erfahren. Vom Stall bzw. der Wiese über den Melkstand, die Käserei bis zum fertigen Produkt werden alle Vorgänge erklärt. Ein neues Projekt, das umgesetzt werden soll, ist ein Feuchtbiotopprojekt: Auf einer Fläche von circa 6 Hektar soll eine Art Arche Noah geschaffen werden. Hier soll ein Rückzugsort für gefährdete Vögel, Amphibien, Insekten und Pflanzen für die heimische Flora und Fauna geschaffen werden.
WARUM UND WIE KAM ES ZU EINER STRATEGIEÄNDERUNG UND INNOVATIONSEINFÜHRUNG?
Der Kapellenhof existiert schon sehr lange. Allerdings wurde in den 1970er-Jahren der Betrieb eingestellt. Die Wiederaufnahme des Betriebs erfolgte 1998 mit nur zwei Hektar Ackerland, die ökologisch bewirtschaftet wurden. Bis heute ist die Fläche auf rund 75 Hektar Acker- und Grünland, in Hammersbach und Umgebung, angewachsen. Strategische Veränderungen und Innovationen sind wie von selbst entstanden. Da es sich um einen Bio-Bauernhof handelt, war Tierhaltung notwendig, um den Nährstoffkreislauf zu schließen. Darüber hinaus gab es im Rhein-Main-Gebiet bisher keine Schafsmilchprodukte. So war die Entscheidung, am Hof eine Schafsmilchverarbeitung zu etablieren, eine logische Konsequenz. Um wirtschaftlich nachhaltig zu arbeiten, kam nur die direkte Kooperation mit abnehmenden Unternehmen infrage. Nur so kann ausreichend Mehrwert geschaffen werden. Darüber hinaus steht der Arten- und Tierschutz weit oben auf der Prioritätenliste des Hofs. Daher wurde beschlossen, ein 6 Hektar großes Feuchtgebiet zu schaffen, in dem die Natur einen Rückzugsort findet, der nicht intensiv bewirtschaftet wird. Die ersten Zuchttiere der Lacaune-Schafherde stammen aus einer Züchtergenossenschaft, aus der Auvergne, in Frankreich. Die Entscheidung fiel auf die robusten Lacaune Schafe, weil sie optimal an klimatische Bedingungen angepasst sind und eine gute Milchleistung haben.
WELCHE HERAUSFORDERUNGEN GAB ES?
Bislang gelang es dem Betrieb sich stetig positiv weiterzuentwickeln. Wichtig ist auch die enge Zusammenarbeit mit den Behörden. Herausforderungen können vermieden werden, wenn man frühzeitig bei Projekten zusammenarbeitet. Der Betrieb konnte von einer starken Nachfrage nach hochwertigen, regionalen Lebensmitteln profitieren. Derzeit stellen die gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise für die energieintensive Milchverarbeitung jedoch eine große Herausforderung dar.
REFLEKTION DER ERGEBNISSE
Aufgrund der Neugründung und des kurzen Bestands des Betriebs ist es schwer möglich die Entwicklung des Betriebs zu vergleichen. Der Hofbesitzer war von Anfang an von der Weiterentwicklung und Umsetzung von neuen Ideen und neuen Wegen abhängig.
ERFAHRUNGEN UND AUSBLICK
Könnte er die Vergangenheit ändern, würde Herr Küthe im Nachhinein bereits früher mit der Direktvermarktung beginnen. Allerdings ist es schwierig vorherzusagen, wie sich die Verkaufssituation ohne die Covid-19-Pandemie verändert hätte. Er betont, dass es, vor allem in der Landwirtschaft, wichtig ist flexibel agieren zu können und auf Veränderungen schnell zu reagieren. Für die Zukunft hat für Herrn Küthe vor allem die Expansion der Direktvermarktung und die Etablierung eines Hofrestaurants absolute Priorität. Er vermutet, dass es immer wichtiger werden wird, alternative Einkommensquellen zu haben und nicht komplett auf die Landwirtschaft angewiesen zu sein. – Denn die Verbraucher:innen müssen von der Qualität überzeugt werden, damit sie freiwillig einen hohen Preis für qualitativ hochwertige Produkte zahlen.
ABSCHLIEßENDES
Allgemeine Bewertung
Herr Küthe resümiert: „Meine Erfahrung ist, dass wir flexibel sein müssen. Nur weil ich mich auf ein bestimmtes Produkt festgelegt habe und davon überzeugt bin, heißt das noch lange nicht, dass es den Verbraucher:innen auch gefallen wird. Gerade am Anfang muss man sich immer wieder neu orientieren und bereit sein, sich zu verändern. Das hat mir sehr geholfen. Vor allem muss man seinen eigenen Weg finden, sich abgrenzen, eine Lücke finden, aber nicht zu spezifisch sein."
Ratschläge und Empfehlungen
Sein Ratschlag ist: „Auf jeden Fall muss man ein großes Interesse daran haben und darauf vorbereitet sein, gegen viele Hindernisse ankämpfen zu müssen. Es kommen viele Probleme auf einen zu, mit denen man im Vorfeld nicht gerechnet hat. Absolutes Augenmerk muss auf der Produktqualität und der Zuverlässigkeit liegen. Große Schwankungen bei beiden Themen sind absolute No-Go`s. Dafür muss man schon der Typ sein. So schön das Ganze auch ist, man muss es realistisch und kritisch angehen.“

